Manuchehr Jamali, London 1995

GOTT: DER SCHÖPFER DES CHAOS

MENSCH: DER AUSWÄHLENDE UND ORDNEND VERBINDENDE

Jener, der erschafft,

schafft im Übermass.

Aus Freude am brodelden Schöpfungsakt

zeugt er zeitlos Neues.

Mitnichten sieht er das Fremdsein der Geschöpfe zueinander.

Am Ort seiner Schöpfungskraft

zeigt sich das Chaos.

Seit dem Tag, an dem der Mensch den Schritt in die weite Welt tat,

quälte ihn

das Chaos.

Zur Rettung aus diesem Chaos göttlicher Kreation

fiel seine Wahl auf Teile.

Zusammenfügend

baute er geordnete Welten.

Heimisch nun liess er sich darin nieder.

Aber das Chaos blieb, was es immer war

Die Menschen wählen nach Wunsch

aus diesem endlosen Speicher des Chaos.

Sie fügen zusammen, ... .

Doch wie ein Meer ohne Ufer ist die Weite des Chaos,

umspült die verständig geordneten Inselwelten, die Bauten der Menschen.

Der Ordnung schaffende Verstand des Menschen

kehrt dem schöpferischen Gott noch immer den Rücken zu, Rache schwörend.

Die den Gott Liebenden

sehen einen Gott, der kein Chaos kennt,

fühlen sich wohl in den Engen selbst gewählter, überschaubarer Ordnung.

Besässe Gott Verstand, nie würde er zum Schöpfer.

Der Verstand sucht die Enge der Ordnung.

Das Schöpferische aber lebt lustvoll mit dem endlosen Wachsen des Chaos.

Mich wundert, warum es heisst:“ Gott schuf sich den Menschen zum Bilde... .“

und wie der Mensch dachte, er schüfe selbst sich Gott zum Bilde.

(S. 62-63; Übers. Bea Burgwinkel)

 

Manuchehr Jamali

„FARHANGSHAHR“

(KULTURSTAAT)

Der Aufbau der iranischen Gesellschaft auf dem Fundament der eigenen humanen Kultur

Eine erste Skizze zum Thema „Politisches Denken im Iran“

     Die iranische Kultur gründet sich fest auf die Idee, dass alle Menschen aus allen Bevölkerungsschichten trotz ethnischer Verschiedenheit, ob sesshaft oder Nomade und ganz gleich welcher Religion, politischen Richtung oder Ideologie, sich in den Wunsch teilen, ihr gemeinsames Leben durch die menschliche kreative Vernunft (kherad)  zu gestalten und miteinander über die Entwicklung ihrer Gesellschaft in der heutigen Welt nachzudenken. Die Heiligkeit des menschlichen Lebens ist das höchste Prinzip in der Kultur des Iran und daraus folgt als erstes Prinzip für die Bildung unseres Staates die Teilhabe aller am gemeinsamen Dialog (hamporsi) auf der Suche nach der bestmöglichen Form des Zusammenlebens. Argumente und Beweise für eine Religion, Ideologie oder Denkrichtung im Sinne des „privilegierten Wahrheitsbesitzers“, die dann zur Bestätigung und Propagierung von politischen Programmen oder sogar als Grundlage von Staat und Gesellschaft benutzt werden, sind der iranischen Kultur fremd. Ein solches Vorgehen würde gegen das iranische Gottesverständnis verstossen, denn hier ist die Gottheit gleichen Ursprungs mit dem Menschen: das Prinzip des Suchens, Forschens, experimentierenden Erprobens ist Eigenheit des Göttlichen im Iran und im Menschen selbst liegt der Ursprung des Neuen. Von dort kommen Innovation und  gesellschaftliche Initiative und wenden sich gegen die Endgültigkeit des wahren Glaubens oder der einzig richtigen Schulmeinung und Ideologie.

     Das iranische gesellschaftliche Zusammenleben ruht fest und sicher auf der Grundlage der menschlichen Vernunft aller. Das Miteinander im Prozess des kreativen Denkens ermöglicht den Schutz und das Fördern des Lebens der Gemeinschaft. Die Kultur des Iran betrachtet die Heiligkeit des Lebens als Urquelle der gesellschaftlichen Ordnung. Für die Kultur des Iran ist die kreative Vernunft (kherad) das Auge der Seele und des Lebens. Die menschliche Vernunft wird  aus der lebendigen Tiefe des irdischen Menschen geboren und ihre Aufgabe ist die Pflege und der Schutz des Lebens aller Menschen in dieser Welt ohne Ansehen der Person. Ordnunggebendes (samandeh) Prinzip ist eine Vernunft, die aus dem „Leben auf dieser Erde“ hervorquilt. „Saman“wie „khashtara“ - das „shahr“ entspricht – bedeutet „hokumat“ (Rechtsstaat). Aus der menschlichen Vernunft erwachsen Staat, Gesetz und politische Ordnung. In jedem Menschen wohnt die schöpferische, ordnungspendende Vernunft (kherad), d.h. die Fähigkeit  zum Staat,  Gesetze und soziale Gemeinschaft schaffenden eigenen Denken. Die Gottheit BAHMAN, die die ordnungspendende Vernunft - griechisch „arke“- oder das „Prinzip der Ordnung“ personifiziert, lebt in jedem Menschen als Gottheit „ARTA“. BAHMAN manifestier sich als „ARTA“, die Gesetz, Recht und Gerechtigkeit repräsentiert. Mit anderen Worten Recht, Gesetz und Gerechtigkeit sind Phänomene geboren aus der ureigenen Vernunft des Menschen.

     BAHMAN, der die kreative Vernunft jedes Menschen darstellt, wandelt sich im Kontext der sozialen Gemeinschaft zum Prinzip des gemeisamen Befragens (hamporsi), des Mischens, der Harmonie und des sozialen Zusammenhalts der Menschen untereinander. “Hamporsi“ ist der nie endende Dialog. Der Mensch in seiner Ursprünglichkeit befindet sich in permanenter Auseinandersetzung (hamporsi) mit dem Göttlichen und seine Einsicht (binesh) nährt sich aus dem unmittelbaren Fragen, Be- und Gegenfragen (hamporsi) des eigenen und allgemein Göttlichen. Der Mensch steht im Dialog (hamporsi) mit dem Göttlichen. Mit dieser Definition als Vorausetzung ist der Dialog der Menschen untereinander immer auch „hamporsi“ mit dem Heilig-Göttlichen. Der iranische Kulturstaat (farhangshahr) geht von der „Gleichheit aller Menschen“ aus, denn alle Menschen haben Teil an dem einen „Leben“ (jan), alle Menschen sind Samen des Lebensbaums d.h. sie sind göttlich, sie sind in ihrer Gesamtheit „janan“ (All-Leben). Da die kreative Vernunft (kherad) aus diesem heilig-göttlichen Leben (jan) unmittelbar hervorgeht (tarawesh) , sind „Leben und Vernunft“ jedes Menschen heilig. Kein Gesetz, keine Macht und kein Gott hat das Recht, dem Leben oder der menschlichen Vernunft  Gewalt anzutun. Der Vernunft in ihrem kreativen Denken die Freiheit zu nehmen ist Vergewaltigung des Lebens und Negierung der Ursprünglichkeit des Menschen.

     Auf diese Weise sind Freiheit der menschlichen Vernunft und kreatives Denken im Selbstverständnis der Kultur des Iran heilig. Der Begriff „shahriwar“, der über Jahrtausende die Werteskala der politischen Macht des Iraners bestimmte, definiert sich als „Herrscher und Staat gewählt durch die kreative Vernunft der Menschen“. Regierender und Regierter müssen immer wieder mit Hilfe der menschlichen Vernunft (kherad)  von neuem frei gewählt werden und nicht nach „Glaubensgrundsätzen“, die die fertige Idee der „absoluten Wahrheit“ präsentieren, und die sich gegen die suchende, forschende, neuschaffende Natur des Menschen wenden. In der Kultur des Iran sind die Menschen wie Samen einer Traube (khusheh), deren Weinbeeren durch die Rispen miteinander verbunden sind. Die Traube (khusheh) als Gesamtheit aller potenziellen Samen ist Sinnbild des Göttlichen. Eingebundensein und beständiger Dialog (hamporsi) charakterisieren das Miteinander des Einzelnen mit dem Ganzen. Mit anderen Worten, das Individuum handelt gemäss den iranischen Vorstellungen vom Göttlichen, wenn es sich mit anderen Individuen in einem demokratischen Rechtsstaat organisiert. Eine funktionierende soziale Gemeinschaft (wahdat-e ejtema`) wächst heran durch den Diskurs des Einzelnen mit den Anderen in der Suche nach einer angemessenen Form des Zusammenlebens und nicht  durch den „Glauben an einen Führer, eine Religion, eine Lehre oder ein ´Heiliges Buch`“. BAHMAN und ARTA in der Tiefe jedes Menschen symbolisieren Ursprung des Anfangs und des Neuschaffens.

     Die Jahrtausende alte Kultur des Iran, die tief in der Seele und im Herzen des Iraners verwurzelt ist, wird die Gründerin unseres neuerblühenden (nauawar) Staates und unserer Gesellschaft sein. All diese wohlklingenden Worte wie Zivilgesellschaft (jame´eh-madani), Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, repräsentative Demokratie (mardomsalari) oder Modernismus, die die muslimischen Intellektuellen vom Westen lernten, bleiben für uns im Kontext des Islam leere Begriffe, denn sie haben hier keine ursprünglichen Wurzeln, und eigentlich auch nicht im Judentum und Christentum. In Europa wurden sie durch die Renaissance aus der griechischen Kultur übernommen und als Konsequenz dieser Wiedergeburt oder dieses  „Frischwerdens“ (fereshgard) wurde das Fundament für die moderne Welt des Westens gelegt. Wir sind die Initiatoren unserer eigenen Renaissance (fereshgard) und stehen mitten im Gährungsprozess unserer kulturellen Urelemente, um schliesslich das Fest der Entstehung eines neuen Staates und einer neuen Gesellschaft in der Wiedergeburt unserer ursprünglichen kulturellen Werte und im Jungwerden unseres Volkes zu feiern.

 

 

 

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